4. Januar 2012

System

Das Lok Yiu Wing Chun fusst auf Einfachheit. Es wird stets der direkte Weg angestrebt. Die grösste Schwierigkeit für den Wing-Chun-Schüler ist es wohl, einfach genug zu denken. Im Prinzip geht es bei einem Kampf oder einer Kampfübung wie z.B. dem Go Sau darum, komplexe Probleme so einfach und direkt wie nur möglich zu lösen. Angesichts des dreidimensionalen Raumes plus der Komponente Zeit und der komplizierten Struktur der menschlichen Physis klingt das leichter, als es ist.

Die Genialität des Wing-Chun-Systems besteht gerade darin, solche einfache Lösungen zu finden, dass der Praktizierende angesichts einer gefundenen Lösung vor Freude nur noch verblüfft lachen kann. Und darin wiederum besteht für viele der Reiz dieser Kampfkunst. Über den rein technischen Aspekt hinaus bietet das Lok Yiu Wing Chun dem Übenden die Möglichkeit, sein körperliches und geistiges Potenzial zu erkennen, zu entwickeln und auszuschöpfen. Das ist natürlich ein lebenslanger Prozess, man kann sich seinem persönlichen Ideal nur immer weiter nähern, perfekt ist man nie. Das Lok Yiu Wing Chun beschäftigt sich damit, die Möglichkeiten des menschlichen Körpers optimal zu nutzen. Der Fauststoss beispielsweise ist darauf ausgelegt, so ansatzlos, schnell und wirkungsvoll wie nur möglich zu sein. Dazu wird er von der Körperstruktur unter Ausnutzung der mechanischen Gegebenheiten perfekt unterstützt. Das Gleiche gilt natürlich für alle anderen Bewegungen.

Das Wing-Chun-System nach der Methode von Grossmeister Yip Man umfasst drei waffenlose Formen (Siu Lim Tau, Cham Kiu und Biu Tze), eine Holzpuppenform sowie die Waffenformen von Langstock und Doppelmessern.

Die erste Form Siu Lim Tau bildet die Grundlage des Systems. Sie lehrt die fundamentalen Fertigkeiten und die Basistechniken. Der Schüler lernt, entspannt zu arbeiten und präzise, aber noch relativ einfach zu steuernde Bewegungen auszuführen. Stand und Stabilität des Körpers werden ausgebildet. Zusammen mit der Schrittarbeit und den Basisübungen wie dem Chi Sau (Klebende oder Pressende Hände) kann der Schüler allerdings schon nach vergleichsweise kurzer Zeit eine gute Verteidigungsfähigkeit erreichen, was vor allem mit der einfachen, geradlinigen Struktur der Bewegungsmuster zusammenhängt.

Die zweite Form baut auf dem bis dahin Gelernten auf und erweitert die Möglichkeiten. Die Distanz kommt ins Spiel, der Raum zwischen den Kontrahenten. Ausserdem lernt man in der Cham Kiu und den dazugehörigen Übungen Fusstritte korrekt auszuführen und diese abzuwehren. Die Schrittarbeit wird vertieft, der Stand und die Stabilität verbessert und das Zusammenspiel zwischen Schritten, Wendungen und Handtechniken wird geübt. Das Ziel dabei ist, Körper und Hände perfekt zusammenarbeiten zu lassen.

Die dritte Form Biu Tze schliesslich führt zusammen, was bisher getrennt geübt worden ist, und dient ausserdem dazu, dass der Wing-Chun-Kämpfer auch aus potenziell unterlegener Situation die Lage umdrehen und in einen Vorteil umwandeln kann. Ziel ist es auch, sämtliche Energie, die der inzwischen in hohem Masse trainierte Körper erzeugen kann, auf einen Punkt zu bringen, und das auf kürzestem Weg.

Die Holzpuppenform ist eine Umsetzung der waffenlosen Kunst des Wing Chun an einem perfekten Partner, der Holzpuppe. Die Puppe macht keine Fehler, der Übende bemerkt jede kleine Unkorrektheit sofort. In dieser Form werden die drei waffenlosen Formen zusammengeführt.

Die Waffenformen schliesslich lehren zunächst einmal, eine lange, zweihändig zu führende Waffe bzw. zwei kurze, jeweils einhändig zu führende Waffen zu handhaben. Ohne grosse Probleme kann jemand, der den Langstock beherrscht, jeden ähnlichen Gegenstand als Waffe einsetzen, denn er hat die Prinzipien der Handhabung verinnerlicht und geübt. Ausserdem erlangt man durch die Übungen mit den Waffen gewissermassen den letzten Schliff, zum Beispiel noch grössere Stabilität im Stand und im Körper.

Das Lok Yiu Wing Chun legt grossen Wert auf eine solide Basis. So wie die erste Form Siu Lim Tau die Grundlage des Systems bildet, erarbeitet der Schüler durch intensives Wiederholen der Basisübungen die solide Basis für seine grundlegenden Fertigkeiten – also zum Beispiel die Stabilität der Hüfte, die Einheit des Körpers, die Flexibilität und Stabilität sämtlicher Gelenke (insbesondere der Handgelenke und Schultern) usw. Durch diese intensive Grundschule, die übrigens praktisch alle traditionellen Kampfkünste auszeichnet, bereitet der Lernende seinen Körper auf die nicht immer ganz leicht auszuführenden, doch in der Funktionsweise bestechend einfachen Bewegungen des Lok Yiu Wing Chun vor. Wird die Basisarbeit vernachlässigt, hat der Praktizierende sein Haus auf Sand gebaut. Schludrigkeit wird sich früher oder später rächen. Der Schüler lernt, enorm stabile und gleichzeitig kraftlose Techniken auszuführen, die wegen der geringen Muskelspannung sehr schnell und ansatzlos ausgeführt werden können. Dabei erlaubt das  nicht auf Techniken, sondern auf Prinzipien und Methoden aufbauende System eine grosse Flexibilität und Bandbreite in der Anwendung. Es gibt auf jede Situation nicht nur eine Antwort, sondern jede vom Anwender gewünschte. Das Lok Yiu Wing Chun hat nicht nur ein logisch aufgebautes Unterrichtssystem, es ist im Grunde das Unterrichtssystem. Das Ergebnis ist eine ungeheuer einfache und verblüffend direkte Kampfkunst, die es dem Übenden erlaubt, sein persönliches Potenzial zu entdecken und bis ins hohe Alter auszuschöpfen.

Quelle: ELYWCIMAA